Ich glaube, ich habe ziemlich lange
auf Leichtigkeit gewartet.
Auf diesen Zustand,
in dem endlich alles gut ist.
Nicht perfekt.
Einfach nur gut.
So gut,
dass ich morgens aufwache
und nicht direkt irgendetwas finde,
über das ich nachdenken muss.
Keine offene Baustelle.
Keine Entscheidung.
Keine Angst.
Kein:
„Ja, aber …“
Einfach mal:
Alles gut.
Das reicht mir.
Ich glaube, genau das
stelle ich mir unter Leichtigkeit vor.
Dass nichts ungeklärt irgendwo
im Hinterkopf sitzt
und alle fünf Minuten anklopft.
Dass ich nicht ständig denke:
Wenn das jetzt noch geklärt wäre,
dann könnte ich endlich entspannen.
Zumindest stelle ich mir so
ein gutes und entspanntes Leben vor.
Das Problem ist nur:
Kaum ist eine Sache geklärt,
steht die nächste vor der Tür.
Als hätte das Leben irgendwo
eine Warteliste mit Problemen,
und sobald ich eins abhake,
ruft es:
„Sehr schön. Dann hätten wir hier direkt noch was.“
Job läuft?
Super.
Dann zweifelst du eben an deiner Beziehung.
Beziehung läuft?
Sehr schön.
Wie sieht es eigentlich
mit deiner Zukunft aus?
Zukunft halbwegs geplant?
Perfekt.
Hier ist eine gesundheitliche Baustelle.
Gesundheit gerade stabil?
Dann nehmen wir Geld.
Geld okay?
Dann vielleicht eine Freundschaftsproblematik.
Und wenn wirklich einmal
für einen kurzen Moment
nichts passiert,
dann übernimmt mein Kopf.
Der findet schon etwas.
Eine Entscheidung von vor drei Jahren.
Eine Nachricht,
die irgendwie komisch klang.
Die Frage,
ob ich genug aus meinem Leben mache.
Ob ich glücklich genug bin.
Ob ich erfolgreich genug bin.
Ob andere schon weiter sind.
Ob ich falsch abgebogen bin.
Ob ich überhaupt weiß,
wohin ich will.
Manchmal denke ich:
Vielleicht ist gar nicht mein Leben das Problem.
Vielleicht ist es meine Vorstellung davon,
wie sich ein gutes Leben anfühlen müsste.
Denn irgendwo habe ich offenbar gelernt:
Ein gutes Leben
ist ein Leben mit möglichst wenig Problemen.
Und vielleicht ist
„Ich habe keine Probleme mehr“
eines der gefährlichsten Ziele überhaupt.
Weil dieses Ziel niemals fertig wird.
Es verschiebt sich nur.
Noch diese eine Sache.
Noch dieses eine Problem.
Noch diese Entscheidung.
Noch diese schwierige Phase.
Ja, dann wird es ruhig.
Dann wird es leicht.
Dann kann ich genießen.
Und jedes Mal glaube ich wieder daran.
Als würde irgendwann
dieser magische Lebensabschnitt beginnen,
in dem alle Menschen bleiben,
der Körper funktioniert,
die Arbeit Spaß macht,
das Konto stimmt,
der Kopf ruhig ist,
man sich selbst gefunden hat
und das Universum sagt:
„Okay, du hattest genug.
Ab jetzt passiert nichts Beschissenes mehr.“
Wäre schön.
Leider scheint das Universum
diesen Vertrag nie unterschrieben zu haben.
John Green hat uns eigentlich
schon gewarnt:
Das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Wir planen fünf Jahre voraus,
bauen Beziehungen auf,
schließen Freundschaften,
sparen Geld,
machen Termine,
kaufen Kalender,
setzen Ziele,
malen uns aus,
wie unser Leben aussehen wird.
Und das Leben sitzt daneben
und denkt wahrscheinlich:
**Süß. Aber auch irgendwie langweilig. Ich machs jetzt wieder spannend. **
Eine Trennung.
Eine Krankheit.
Eine Kündigung.
Ein Mensch verändert sich.
Eine Freundschaft zerläuft.
Ein Plan funktioniert nicht.
Man selbst verändert sich.
Oder manchmal passiert gar nichts Dramatisches.
Man wacht einfach eines Morgens auf
und merkt:
Ich will das so nicht mehr.
Auch das kann alles durcheinanderbringen.
Und genau deshalb
hasse ich Chaos.
Weil Chaos keine Antwort gibt.
Ich hätte gerne:
Problem.
Lösung.
Haken.
Weiter.
Aber Leben funktioniert eher wie:
Existenzkrise am Dienstag.
Mittwoch wieder ganz okay.
Donnerstag macht der Körper Probleme.
Und Freitag mache ich Party.
Ich finde das ehrlich gesagt
ziemlich anstrengend und beschissen.
Denn ich will Leichtigkeit.
Diese echte.
Nicht dieses:
„Denk positiv.“
Nicht:
„Andere haben es schlimmer.“
Nicht:
„Sei doch dankbar für das, was du hast.“
Aber vielleicht kommt Leichtigkeit
nicht nach dem Chaos.
Vielleicht kommt sie
immer nur zwischendurch.
Mitten im Chaos.
An einem völlig normalen Dienstag.
Obwohl noch drei Sachen ungeklärt sind.
Obwohl man immer noch Angst hat.
Obwohl man immer noch nicht weiß,
was man beruflich in fünf Jahren macht.
Obwohl irgendeine Freundschaft kompliziert ist.
Obwohl das Konto besser aussehen könnte.
Und trotzdem sitzt man plötzlich irgendwo,
die Sonne scheint,
jemand sagt etwas völlig Bescheuertes,
man lacht und für ein paar Minuten
ist einfach alles still.
Vielleicht ist das Leichtigkeit.
Nicht:
Nichts Schweres existiert.
Sondern:
Das Schwere ist für eine Millisekunde weg.
Und vielleicht habe ich genau das
viel zu lange verwechselt.
Ich wollte ein leichtes Leben.
Dabei gibt es wahrscheinlich
gar kein leichtes Leben.
Es gibt leichte Tage.
Leichte Stunden.
Leichte Momente.
Und dann gibt es wieder Tage,
an denen das Leben einem
komplett in die Parade fährt.
Weil immer irgendetwas ist.
Ein Plan geht nicht auf.
Oder eigentlich ist alles okay
und der eigene Kopf findet trotzdem
die nächste Baustelle.
Und manchmal bekommen wir genau das,
was wir wollten,
und stellen fest:
Scheiße. Das war es auch nicht.
Vielleicht ist genau das das Problem:
Das Leben wird nie fertig.
Und vielleicht macht mich genau das
so wahnsinnig.
Weil ich immer wieder versuche,
es fertigzubekommen.
Alles sortieren.
Alles verstehen.
Alles lösen.
Damit ich danach endlich
in Ruhe leben kann.
Aber das Leben wird nicht fertig.
Solange ich lebe,
wird irgendetwas passieren.
Ich werde Menschen kennenlernen
und verlieren.
Ich werde mich entscheiden
und danach zweifeln.
Ich werde Pläne machen
und sie wieder umwerfen.
Ich werde Dinge schaffen
und fünf Minuten später überlegen,
was als Nächstes kommt.
Ich werde gute Phasen haben
und irgendwann wieder schlechte.
Ich werde wahrscheinlich mit 40
Probleme haben,
von denen ich mit 27
noch nicht einmal weiß,
dass sie existieren.
Großartig.
Danke dafür.
Aber vielleicht steckt darin
auch etwas Befreiendes.
Denn wenn das stimmt,
dann muss ich nicht mehr warten,
bis alles gut ist.
Weil alles gut
vielleicht überhaupt kein Zustand ist.
Vielleicht ist Leben immer:
gut und schwierig.
schön und beschissen.
sicher und unberechenbar.
Liebe und Hass.
Mut und Angst.
Glück und Zweifel.
Vielleicht ist das Problem nicht,
dass mein Leben diese Widersprüche hat.
Vielleicht ist das Leben
dieser Widerspruch.
Und vielleicht muss ich aufhören,
jeden schwierigen Moment
als Beweis dafür zu sehen,
dass irgendetwas falsch läuft.
Manchmal läuft nichts falsch.
Manchmal ist einfach:
Das Leben.
Und Leben ist leider kein Wellnessurlaub.
Es ist chaotisch.
Unfair.
Überraschend.
Manchmal wunderschön.
Manchmal absolut beschissen.
Und meistens irgendwo dazwischen.
Das Schicksal bleibt vermutlich
ein mieser Verräter.
Es wird weiterhin Pläne kaputtmachen,
Menschen dazwischenwerfen,
Türen schließen
und wahrscheinlich genau dann
eine neue Baustelle eröffnen,
wenn ich gerade stolz darauf bin,
die letzte geschlossen zu haben.
Ich werde das vermutlich
auch weiterhin scheiße finden.
Aber vielleicht muss ich nicht darauf warten,
dass das Leben endlich leicht wird.
Vielleicht muss ich lernen,
Leichtigkeit dort zu erkennen,
wo sie sowieso ständig auftaucht:
zwischen zwei Problemen.
Zwischen zwei Gedanken.
Zwischen zwei Katastrophen,
die sich im Nachhinein
vielleicht gar nicht als Katastrophen herausstellen.
In diesen kleinen Momenten,
in denen gerade nichts gelöst ist
und trotzdem alles kurz okay ist.
Vielleicht ist das perfekte Leben
also nicht das,
in dem endlich nichts mehr passiert.
Nicht das Leben ohne Probleme.
Nicht das Leben ohne Zweifel.
Nicht das Leben ohne Angst.
Vielleicht ist es eines,
in dem ich irgendwann verstehe:
Es wird immer irgendetwas sein.
Und ich kann trotzdem lachen.
Trotzdem reisen.
Trotzdem lieben.
Trotzdem träumen.
Trotzdem Pläne machen,
obwohl das Schicksal wahrscheinlich
schon irgendwo grinsend danebensteht.
Vielleicht ist Leichtigkeit
nicht das Gegenteil von Schwere.
Vielleicht ist sie das,
was wir uns
trotzdem davon nicht nehmen lassen.
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