Ich habe mein Leben ziemlich oft
in die Zukunft verschoben.
Wenn ich den richtigen Job habe.
Wenn ich mehr Geld habe.
Wenn es mir psychisch besser geht.
Wenn meine Beziehung wieder leicht ist.
Wenn mein Kopf endlich leiser wird.
Dann.
Dann werde ich reisen.
Dann werde ich mutiger.
Dann mache ich dieses Projekt.
Dann werde ich wieder kreativ.
Dann traue ich mich mehr.
Dann weiß ich endlich,
was ich eigentlich will.
Dann werde ich wieder ich.
Dieses Dann ist irgendwie bequem.
Weil es alles möglich lässt,
ohne dass heute schon etwas passieren muss.
Heute muss ich nur durchhalten.
Heute muss ich funktionieren.
Heute muss ich vernünftig sein.
Heute muss ich irgendwie
durch diesen Tag kommen.
Und morgen?
Morgen vielleicht.
Oder nächste Woche.
Wenn der Stress weniger wird.
Wenn ich wieder mehr Kraft habe.
Wenn ich endlich eine Antwort darauf habe,
was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen möchte.
Wenn… dann…
Ich glaube, ich habe ziemlich lange darauf gewartet,
dass irgendwann dieser eine Punkt kommt,
an dem sich alles sortiert.
Dieser Moment,
in dem man morgens aufwacht
und plötzlich weiß:
Das ist mein Leben.
Das ist mein Job.
Das ist mein Weg.
Jetzt bin ich angekommen.
Und ab hier
wird alles irgendwie leichter.
Aber vielleicht gibt es diesen Punkt gar nicht.
Vielleicht gibt es keinen großen Gong,
der irgendwann sagt:
So. Geschafft. Jetzt darfst du leben.
Vielleicht kommt niemand
und gibt einem offiziell die Erlaubnis,
mutiger zu sein,
noch einmal neu anzufangen,
eine falsche Entscheidung zu korrigieren,
die Richtung zu wechseln,
oder etwas auszuprobieren,
obwohl man überhaupt nicht weiß,
ob es funktioniert.
Vielleicht wartet das Leben nämlich nicht darauf,
dass ich irgendwann bereit bin.
Vielleicht passiert es längst.
Während ich zweifle.
Während ich plane.
Während ich mich umentscheide.
Während ich mir Sorgen mache.
Während ich versuche,
mich selbst irgendwie wieder zusammenzubauen.
Und genau das macht mir manchmal Angst.
Denn was,
wenn ich so lange darauf warte,
wieder richtig leben zu können,
dass ich irgendwann zurückblicke
und merke:
Das waren keine Jahre vor meinem Leben.
Das war es schon.
Nicht die Generalprobe.
Nicht die schwierige Phase
vor dem Happy End.
Nicht das Wartezimmer
in der ich nur kurz sitzen musste,
bis mein eigentliches Leben endlich aufgerufen wird.
Das hier ist es.
Mitten im Chaos.
Mit offenen Fragen.
Mit Dingen,
die noch nicht geheilt sind.
Mit Entscheidungen,
die ich noch nicht getroffen habe.
Mit Plänen,
die heute richtig wirken
und morgen vielleicht schon wieder nicht.
Als müsste ich erst gesund sein.
Erst sicher.
Erst erfolgreich.
Erst glücklich.
Erst vollkommen überzeugt.
Als gäbe es irgendwo eine Liste,
die ich nur abarbeiten muss,
und ganz unten steht:
Jetzt darfst du anfangen zu leben.
Aber was,
wenn Leben gar nicht bedeutet,
dass irgendwann nichts Schweres mehr da ist?
Was, wenn Probleme nicht eines Tages
höflich die Tür hinter sich schließen
und sagen:
„So, jetzt habt ihr genug gehabt.
Ab jetzt nur noch Leichtigkeit.“
Was, wenn das gar nicht passiert?
Was, wenn Leben vielmehr bedeutet,
dem Schweren trotzdem etwas entgegenzustellen?
Etwas Schönes.
Etwas Neues.
Etwas Mutiges.
Vielleicht muss ich also nicht warten,
bis ich wieder die Version von mir bin,
die ich so sehr vermisse.
Vielleicht sitzt diese Version
nicht irgendwo in meiner Zukunft
und wartet darauf,
dass ich sie irgendwann wieder einhole.
Vielleicht entsteht sie genau hier.
In jedem kleinen:
Ich probiere es trotzdem.
Ich sage Nein.
Ich sage Ja.
Ich ändere meine Meinung.
Ich gehe einen anderen Weg.
Ich fange noch einmal an.
Und vielleicht finde ich mich
gar nicht dadurch wieder,
dass ich lange genug darüber nachdenke,
wer ich eigentlich bin.
Vielleicht finde ich mich
in den Entscheidungen,
die ich treffe.
In den Dingen,
die ich ausprobiere.
In dem,
was ich irgendwann nicht mehr hinnehme.
Und in dem,
wofür ich mich trotz Angst entscheide.
Vielleicht ist genau das
das Problem mit diesem ewigen:
Wenn – dann.
Es klingt so vernünftig.
Fast erwachsen.
Wenn ich genug Geld habe,
dann reise ich.
Wenn ich weiß, was ich will,
dann fange ich an.
Wenn ich mich besser fühle,
dann mache ich wieder Dinge,
die mir guttun.
Wenn ich keine Angst mehr habe,
dann bin ich mutig.
Aber vielleicht funktioniert das Leben
genau andersherum.
Vielleicht werde ich nicht erst mutig
und tue dann etwas Mutiges.
Vielleicht tue ich etwas mit Angst
und merke irgendwann:
Ach so fühlt sich Mut also an.
Vielleicht muss ich nicht erst wissen,
wer ich bin,
um Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht finde ich es heraus,
indem ich welche treffe.
Denn später ist ein seltsames Wort.
Es klingt immer so groß.
So frei.
So voller Möglichkeiten.
Später habe ich Zeit.
Später habe ich Geld.
Später habe ich Kraft.
Später bin ich bereit.
Und irgendwann
kommt dieses große Später tatsächlich.
Nur heißt es dann plötzlich:
Heute.
Vielleicht brauche ich deshalb
gar keinen perfekten Plan.
Vielleicht brauche ich nur
ein bisschen weniger:
„Wenn alles passt.“
Und ein bisschen mehr:
„Was geht schon jetzt?“
Ein Leben,
das nicht darauf warten muss,
dass ich wieder vollkommen funktioniere.
Denn vielleicht ist das Leben
gar nicht das,
was irgendwann passiert,
wenn endlich alle Probleme gelöst sind.
Vielleicht ist Leben genau das,
was währenddessen passiert.
Zwischen Therapie und Träumen.
Zwischen Rechnungen und Fernweh.
Zwischen schlechten Tagen
und überraschend guten Stunden.
Zwischen Angst und:
Ach, scheiß drauf.
Ich versuche es.
Und vielleicht werde ich irgendwann
immer noch nicht angekommen sein.
Vielleicht werde ich mit 30
andere Fragen haben.
Mit 40 wieder neue.
Vielleicht werde ich noch hundertmal
meine Meinung ändern.
Vielleicht werde ich Entscheidungen bereuen.
Vielleicht werde ich Umwege gehen.
Ich muss nicht mit allem warten,
bis mein Leben perfekt dafür aussieht.
Denn dann wird aus einem vielleicht ein nie.
Denn während ich die ganze Zeit
auf mein Leben warte,
wartet mein Leben nicht auf mich.
Es läuft.
Jetzt.
Hier.
Mit allem,
was noch fehlt.
Mit allem,
was gerade wehtut.
Und mit allem,
was trotzdem noch möglich ist.
Heute ist nicht die Zeit vor meinem Leben.
Heute ist schon mein Leben.
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